Construct-X: Datenräume für die Baustelle der Zukunft
Vom Papierordner zum Echtzeit-Datenfluss
Am frühen Morgen rollt der Betonmischer an, der Kranführer hebt die erste Tonne Stahl, der Vorarbeiter prüft das Montageteam. Auf deutschen Baustellen laufen Dutzende Prozesse parallel – und doch oft nebeneinander statt miteinander. Termine, Lieferungen, Wetterdaten oder Nachweise liegen in getrennten Systemen, manchmal noch in Papierordnern. Gerät ein Rad ins Stocken, folgt die Kettenreaktion: Verzögerungen, Mehrkosten, Imageschäden. Genau hier setzt Construct-X an – ein vom Bundeswirtschaftsministerium und der EU gefördertes Forschungsprojekt. Es will die Bauwirtschaft ins Zeitalter föderierter Datenräume führen und Cloud-Edge-Technologien entwickeln. Die Vision: Informationen fließen über Unternehmensgrenzen hinweg, bleiben aber im Besitz derjenigen, die sie erzeugen. Durch Cloud-Edge-Technologien können zudem Daten in Echtzeit auf Baustellen verarbeitet werden.
Vom Nachzügler zum Vorreiter?
Mit 2,5 Millionen Beschäftigten und einem Bauvolumen von rund 500 Milliarden Euro ist die Bauwirtschaft ein Schwergewicht – und digital in weiten Teilen abgehängt. Während andere Industrien produktiver werden, stagniert das Bauwesen. Eine der Ursachen sind zersplitterte Prozessketten: Tausende Mittelständler, wechselnde Nachunternehmer, jedes Projekt ein Unikat. Hinzu kommen IT-Insellösungen – von ERP bis Excel, das vielerorts noch als „Datenbank der Bauindustrie“ herhalten muss. Parallel wächst der Druck: Bauherren und deren Kapitelgeber verlangen ESG-Kennzahlen, die EU führt digitale Produktpässe ein, die Taxonomie schreibt transparente Umweltberichte vor. Jeder Nachweis muss neu erbracht werden – ein enormer Aufwand für eine Branche, die ohnehin auf knappen Margen arbeitet. Für Construct-X haben sich 34 Partner aus folgenden Bereichen zusammengetan: Bauunternehmen, das Handwerk, Geräte- und Baustoffhersteller, Planungsbüros, Softwareentwickler sowie Hochschulen und Forschungsinstitute. Die Projektleitung liegt bei Hochtief Engineering, die Koordination beim Fraunhofer ISST in Dortmund. Das Projekt ist Teil der größeren Manufacturing-X-Initiative, die verschiedene Branchen über Datenräume vernetzen will – von Catena-X in der Automobilindustrie bis Factory-X im Maschinenbau.
Datenräume statt Plattformen
Der Ansatz ist so simpel wie radikal: Daten bleiben bei den Unternehmen. Über standardisierte Schnittstellen – sogenannte Konnektoren – werden sie nur dann freigegeben, wenn es nötig ist. „Man kann sich das vorstellen wie bei einem Telefonnetzwerk“, erklärt Projektleiterin Martina Sandau. „Jeder behält sein Gerät, aber über die gemeinsame Infrastruktur wird Kommunikation möglich.“ Technisch setzt Construct-X auf eine Open-Source-Architektur. Basisdienste wie Identitätsmanagement oder Semantik Layer entstehen auf der Tractus-X-Referenzarchitektur, die ursprünglich aus der Autoindustrie kommt. Die Ergebnisse fließen zurück in die Community – ein Hebel, um Standards branchenübergreifend durchzusetzen.
Erste Ergebnisse – Potenziale für eine ganze Branche
Nach einem halben Jahr stehen erste Ergebnisse: Eine Testumgebung läuft, Konnektoren sind registriert, ein digitaler Produktpass für Asphalt ist in Arbeit. Doch die Zusammenarbeit ist komplex. „Wir müssen 34 Partner mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen – von IT-Entwicklern bis Bauingenieuren“, sagt Sandau. Dazu kommt die Frage nach dem Geschäftsnutzen. Gerade kleinere Betriebe wollen wissen: Wo spart man Zeit, wo Kosten? Ein einheitliches Datenmodell könnte Nachträge auf Baustellen drastisch reduzieren. Schnittstellen würden Medienbrüche vermeiden, Risiken ließen sich früher erkennen, Abläufe automatisieren. Und langfristig? Neue Geschäftsmodelle wären denkbar: Apps und Dienste, die im Datenraum laufen, könnten zusätzliche Einnahmen schaffen. Für eine Branche, die bislang jedes Projekt neu erfindet, ist das mehr als nur ein Digitalisierungsschub – es wäre der dringend benötigte Kulturwandel.
Use Cases von Construct-X
Das Forschungsprojekt erprobt zehn Anwendungsfälle, die zeigen sollen, wie föderierte Datenräume den Baualltag verändern:
- Nachhaltigkeit & ESG: Digitale Materialpässe und automatisierte Umweltberichte erleichtern die Nachweisführung.
- Planung & Ausführung: Vernetzte Daten für Bauablaufplanung, Kalkulation und Controlling reduzieren Reibungsverluste.
- Resiliente Logistik: KI-gestützte Szenarioanalysen helfen bei Lieferantenauswahl und Risikomanagement.
- Edge Computing: Fortschrittskontrolle, Umweltreporting und Logistik-Monitoring auch ohne stabile Internetverbindung – entscheidend für temporäre Baustellen.