Wir müssen endlich die Handbremse lösen!
Interview mit Prof. Dr. Adrian Wildenauer, Professor für digitales Bauen und Leiter des MAS Real Estate
Trotz vieler Tools kommt die Bauwirtschaft digital kaum voran – Prozesse haken, Standards fehlen, Systeme passen nicht zusammen. Prof. Dr. Adrian Wildenauer zeigt, warum echte Digitalisierung nur mit klaren Regeln, Zusammenarbeit und dem Digitalen Produktpass gelingt. Und warum der Wandel vor allem bei den Menschen beginnt.
Herr Wildenauer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit digitalem Bauen. Warum ist die Digitalisierung überhaupt so entscheidend?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Ich denke, dass die Bauindustrie, wenn sie denn digital wäre, meinen Lehrstuhl gar nicht bräuchte. Für mich persönlich bedeutet Digitalisierung vor allem, dass die Abläufe funktionieren. Schöne Modelle und neue Lizenzen sind dabei eher zweitrangig. Viele Bauherren kaufen Software, ohne zu wissen, wofür. Das Ergebnis ist, dass wir zwar mehr Bildschirme haben, aber die Prozesse leider immer noch nicht besser sind. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Lücke zu schließen – digitale Methoden so einzusetzen, dass sie den Alltag tatsächlich vereinfachen.
Wo hakt es heute am meisten?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Die Branche blockiert sich selbst. Wir alle wissen, dass digitale Methoden uns helfen könnten, aber wir brauchen den Mut, diesen Schritt zu wagen. Statt gemeinsame Regeln zu schaffen, baut jeder sein eigenes System. Das Ergebnis: Nichts passt zusammen. Das führt leider zu Inkompatibilität und Frust.
Haben Sie ein Beispiel, wie es besser laufen könnte?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Ein aktuelles Beispiel, weil ich erst vor kurzem dort war, Finnland. Dort haben sich alle Akteure an einen Tisch gesetzt, einen gemeinsamen Standard beschlossen und anschließend individuell optimiert. So spart das einzelne Unternehmen und damit die Branche 30–40 % Aufwand allein bei der Angebotskalkulation. Sie haben es mittels Zusammenarbeit geschafft, ihre Grundlagen zu standardisieren und zu normieren, vom Bauteil bis zum Datenaustausch. Auch aufgrund dieses partnerschaftlichen Ansatzes können die Finnen den Digitalen Produktpass praktisch „nebenbei“ einführen. Wir kommen einfach nicht voran.
Warum sind Standards so wichtig?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Weil sie gemeinsame Spielregeln schaffen. Ein Standard ist nichts anderes als eine Vereinbarung darüber, wie man zusammenarbeitet, Daten austauscht und Entscheidungen trifft. Mit klaren Leitplanken kann jeder sein eigenes Spiel optimieren. Ohne sie drehen wir uns im Kreis. In Mitteleuropa fehlt jedoch eine zentrale Stelle, die digitale Themen koordiniert. Initiativen wie planen-bauen 4.0 waren gut gemeint, sind aber im Konjunktiv stecken geblieben. Es reicht nicht, Standards auf Papier zu schreiben – sie müssen verbindlich gelebt und breit getragen werden.
Der Digitale Produktpass gilt als Game Changer. Warum?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Weil wir damit zum ersten Mal strukturierte Daten für jedes Bauteil haben. So wissen wir genau, woher ein Material kommt, woraus es besteht und wie es sich wiederverwenden lässt. Diese Transparenz ist die Grundlage für Kreislaufwirtschaft – und sie erhöht die Sicherheit. Denken Sie nur an den Grenfell Tower: Nach der Brandkatastrophe wurden Milliarden ausgegeben, um herauszufinden, wo noch gefährliche Materialien verbaut sind. Und das, obwohl es keinerlei Nachverfolgbarkeit gab! Mit einem Produktpass wäre das gar nicht diskussionswürdig gewesen.
Viele unterschätzen die Dringlichkeit.
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Genau. Oft höre ich: „Das kommt ja erst in drei Jahren, das machen wir später.“ Kleiner Spoiler: Wer abwartet, ist nicht dabei. Der Produktpass ist nicht nur ein nettes IT-Tool, sondern bildet die Grundlage für neue Geschäftsmodelle. Hersteller können Zusatzservices wie Auswertungen, Simulationen und Nachhaltigkeitsbewertungen anbieten. Bauherren profitieren von besserer Planung, einfacherem Rückbau und klaren CO₂-Bilanzen. Erstmals entsteht so eine durchgängige Datenbasis über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks.
Doch: Technik allein reicht nicht. Digitalisierung ist ein People-Business.
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Wenn die Leute nicht mitziehen, nützt die beste Technologie nichts. Gleichzeitig fehlen uns die Köpfe: In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Bauingenieur-Studierenden um die Hälfte eingebrochen, und bald geht rund die Hälfte der Fachkräfte in Pension. Dazu kommt: Wir verheizen unser Potenzial. Von 20 ausgebildeten Zeichnern bleiben nach fünf Jahren nur zwei in der Branche. Dabei schafft kaum eine Industrie so bleibende Werte wie die Bauwirtschaft – und verkauft sich gleichzeitig so miserabel. Wir brauchen eine Ausbildung, die Systemdenken fördert. Und wir brauchen eine Kultur, die Lust auf Bau macht.
Wo liegen die größten ungenutzten Potenziale – und was muss passieren?
Prof. Dr. Adrian Wildenauer: Wir müssen endlich die Handbremse lösen. Prozesse aufräumen, Standards nutzen, Nachwuchs stärken. Meine Forschung zeigt hier drei Ansatzpunkte: Gebäude multifunktional nutzen („Building as a Service“), strukturierte Daten mit dem Produktpass, und digitale Baugenehmigungen. Erst wenn diese Kette funktioniert, entfaltet Digitalisierung ihre Wirkung. Daher mein Appell: Hört auf, den Status quo zu verwalten. Fangt an! Sonst ist klar: Ohne Veränderung werden wir die Bauleistung der Zukunft nicht mehr stemmen können.
Vita
Dr. Adrian Wildenauer ist Professor für digitales Bauen an der Berner Fachhochschule und Leiter des MAS Real Estate. Zuvor leitete er bei den Schweizerischen Bundesbahnen die BIM-Standardisierung und Branchenaktivitäten. Heute vertritt er die Schweiz in internationalen Normungsgremien (ISO/CEN), im SIA sowie im Vorstandsausschuss von Bauen digital Schweiz / buildingSMART Switzerland. Sein Schwerpunkt liegt auf der digitalen Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft – mit Fokus auf praxisorientierter Lehre, Standardisierung und dem Transfer zwischen Forschung und Praxis. Dafür gewann er 2024 den CS Best Teaching Award.