Material und Ressourcen: Vom Rohstoff zum dauerhaften Wert
Seit dem Earth Overshoot Day am 30. Juli 2026 verbrauchen wir mehr Ressourcen, als die Erde regenerieren kann. Auch im Bau stellt sich die Frage, wie verbaute Materialien länger genutzt und im Wert erhalten werden.
Die Grenzen des Recyclings
Recycling gilt als einer der Schlüssel, um den Rohstoffverbrauch im Bauen zu reduzieren. Die Studie „Nachhaltige Baustoffwende“ von Butterfly Effect Consulting und dem Wuppertal Institut zeigt jedoch auch die Grenzen auf. In Deutschland werden mineralische Bauabfälle bereits zu einem sehr hohen Anteil verwertet. Das bedeutet jedoch nicht, dass daraus wieder gleichwertige Baustoffe entstehen. Zwar wird Beton in großem Umfang verwertet, doch gelangt nur ein kleiner Teil davon wieder in die Betonherstellung zurück. Der Großteil der mineralischen Recyclingbaustoffe wird in anderen Bereichen eingesetzt, beispielsweise im Straßenbau.
Hinzu kommt ein Mengenproblem. Sekundärmaterialien ersetzen derzeit lediglich 13 bis 14 Prozent der mineralischen Primärrohstoffe. Auch für die kommenden Jahre erwartet die Studie keine Mengen, mit denen sich der Bedarf an Primärrohstoffen vollständig decken ließe. Mehr Recycling kann den Rohstoffverbrauch also reduzieren, aber nicht vollständig ersetzen. Dadurch wird eine Frage aufgeworfen, die der Recyclingdebatte vorausgeht: Wie viel neues Material benötigen wir überhaupt? Dabei spielen Bestandserhalt und längere Nutzungszeiten ebenso eine Rolle wie materialeffiziente Konstruktionen und die Wiederverwendung ganzer Bauteile. Material, das gar nicht erst neu gewonnen und verarbeitet werden muss, muss später auch nicht recycelt werden.
Die Studie macht außerdem auf eine zweite Stellschraube aufmerksam. Für verschiedene zirkuläre Lösungen sind technische Verfahren und Regelwerke bereits vorhanden. Trotzdem kommen sie nicht automatisch auf dem Markt zum Einsatz. Ausschreibungen und Beschaffung beeinflussen maßgeblich, welche Baustoffe tatsächlich eingesetzt werden. Vor allem die öffentliche Hand könnte durch ihre Nachfrage dafür sorgen, dass aus technisch möglichen Lösungen verlässliche Märkte entstehen.
Vom Rohstofflager zum Materialangebot
Die Vorstellung von der Stadt als Rohstofflager ist eingängig. Für die Wiederverwendung hilft es allerdings wenig, zu wissen, dass irgendwo Millionen Tonnen Material verbaut sind. Wer beispielsweise einen gebrauchten Stahlträger oder Fassadenelemente einplanen möchte, benötigt wesentlich genauere Informationen. Welche Bauteile stehen zur Verfügung? Welche Eigenschaften haben sie? In welchem Zustand sind sie? Wann können sie ausgebaut werden?
Mit diesen praktischen Aspekten der Kreislaufwirtschaft beschäftigt sich das europäische Forschungsprojekt CityLoops. Materialpässe und Untersuchungen vor dem Rückbau liefern Informationen über vorhandene Ressourcen. Digitale Marktplätze machen diese für andere Projekte sichtbar. Da Ausbau und neuer Bedarf selten zum gleichen Zeitpunkt auftreten, können Materialbanken auch die Zwischenlagerung übernehmen.
So entsteht aus einem Materialbestand etwas, mit dem sich tatsächlich planen lässt. Das ist vor allem für die Wiederverwendung wichtig. Ein Bauteil bleibt dabei möglichst als Bauteil erhalten – im Gegensatz zum Recycling, bei dem das Material aufbereitet und zum Ausgangsstoff für ein neues Produkt wird. CityLoops folgt hier der Abfallhierarchie, in der Wiederverwendung vor Recycling steht. Die interessante Frage ist deshalb nicht nur, welche Materialien in unseren Gebäuden stecken, sondern auch, ob diese für ein nächstes Bauprojekt rechtzeitig bekannt und verfügbar sind.
Material als zukünftiger Vermögenswert
Was wäre, wenn der Wert eines Baustoffs bereits vor dem Rückbau interessant wäre? Das Forschungsprojekt „Material Recovery Right“ (MRR) der RWTH Aachen versucht, den erwarteten Restwert wiedergewinnbarer Materialien bereits in die Finanzierung eines Gebäudes einzubeziehen. Über ein handelbares Zertifikat wird das Recht auf die spätere Rückgewinnung vom Gebäudeeigentum getrennt. Der Projektentwickler erhält beim Verkauf des Zertifikats Kapital während der Bauphase, während der Käufer den Anspruch auf den späteren Materialwert beziehungsweise auf das Material selbst erwirbt.
Getestet wurde das Modell unter anderem an der Fassade des Hamburger Projekts „Moringa”. Dabei zeigt sich eine wichtige Differenz: Was ökologisch gut im Kreislauf funktioniert, muss wirtschaftlich noch lange nicht attraktiv sein. Im Reuse-Szenario verbessert sich der Circularity Score der untersuchten Fassade um mehr als 60 Prozent. Der errechnete heutige Restwert fällt dagegen unterschiedlich aus: Bei den Fassadenziegeln entspricht er zwei Prozent, bei der Aluminium-Unterkonstruktion sieben Prozent des ursprünglichen Investments. Der höhere Materialwert des Aluminiums macht hier einen erheblichen Unterschied.
MRR stellt somit eine Verbindung zwischen Materialwahl, Rückbaubarkeit und Finanzierung her. Werden zukünftige Materialwerte schon beim Bau berücksichtigt, können sie einen Teil der heutigen Investitionen in zirkuläres Bauen finanzieren. Allerdings funktioniert das nicht für jedes Material: Wo der Restwert gering ist oder die Rückgewinnung teuer, reicht der Marktmechanismus allein nach Einschätzung der Forschenden nicht aus.